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Radabenteuer vom Schwarzen Meer zur Wolga

Rumänien, Moldawien, Transnistrien, Ukraine, Halbinsel Krim und Russland

TRANS-OST-EXPEDITION Etappe 2

Auszug aus dem Buch:
Mit dem Rad vom Schwarzen Meer zur Wolga
ISBN: 978-3-8334-7557-3
 
Bei diesigem und nasskaltem Wetter erreichen wir im Südosten des europäischen Russlands den gigantischen Staudamm der unteren Wolga. Im Verkehrsfluss drücken wir uns so weit rechts wie möglich an die verrosteten Begrenzungspfosten. An manchen Stellen ist die auf dem Damm gebaute Straße aufgerissen und mein Blick fällt in die gähnende Tiefe auf das kalte Wasser unter uns. Es presst sich mit überdimensional großen Blasen aus dem Grund nach oben. Wasser, das mit einem gewaltigen Druck aus den großen Turbinen eines der größten Kraftwerke seiner Art gedrückt wird. Schaum und ungutes Brodeln erhaschen meine Blicke. Bei den Temperaturen würde man in dem Wasser nicht lange überleben, geht es mir durch den Kopf und ein Schauder läuft mir über den Rücken. Eine Bausstelle zwingt den Verkehr auf eine Spur. Wir nutzen eine Lücke und wieseln uns durch. Trotz des trüben Tages kann man die kolossale Größe des Stausees erkennen. Von hier oben könnte man glatt meinen, ein Meer tut sich auf. Der Wolgograder Stausee erstreckt sich von hier etwa 400 Kilometer bis zur Stadt Marks nach Norden und besitzt eine Fläche von 3.117 Quadratkilometern. Gerne würde ich anhalten und ein paar Bilder schießen. Doch das Fotografieren solcher mächtigen Anlagen, Brücken und Kraftwerke ist in Russland bis heute nicht unproblematisch. Also speichere ich die Bilder in meinem Kopf. Es geht vorbei an kolossalen Krananlagen. An Kontrollgebäuden und einer Schleuse für die Schiffe. Die gesamte Konstruktion sieht heruntergekommen und schwer restaurierungsbedürftig aus. Wenn dieser Damm einmal brechen sollte, werden die Anrainer der unteren Wolga mit Sicherheit ins Kaspische Meer gespült.
 
Nach 3,5 Kilometer haben wir den Damm überquert und befinden uns nun auf der östlichen Seite der Wolga in der Stadt Wolschskij, die erst 1951 als Wohnort für die beim Bau des großen Wolga-Wasserkraftwerks beschäftigten Arbeiter gegründet wurde. Wir folgen nun der Uferstraße in nördlicher Richtung und schlagartig kommt der rege Verkehr zum Stillstand. Plötzlich sind wir wieder alleine. Das brüchige Bitumen führt uns kaum noch durch Dörfer. Es gibt keine Läden, in denen man etwas zu essen kaufen kann und erst recht keine Gastiniza. Mit knappen 13 Grad plus ist es heute noch immer kühl. Die Sonne blinzelt nur ab und zu durch eine Wolkenritze. Zum Glück ist es nahezu windstill. Ein verrostetes blaues Schild verspricht in 80 Kilometer einen Campingplatz und ein Restaurant. Hätten wir heute nicht schon 80 Kilometer heruntergespult, wäre dies ein verlockendes Angebot. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als ein Wildcamp zu finden”, sage ich. Tanja macht sich Sorgen, hat Furcht vor Betrunkenen, die uns nachts überfallen könnten. „Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Die Verbrecher sind nachts nicht in den Wäldern und am Ufer der Wolga, sondern irgendwo in der Stadt. Dort, wo es etwas zu holen gibt. Schau, wir verstecken uns einfach hinter den dünnen Waldstreifen dort. Keiner wird uns da je entdecken”, beruhige ich sie. „Ja, du hast Recht. Sie bringt nichts, diese Angst vor dem Unbestimmten. Reine Energieverschwendung”, antwortet Tanja zuversichtlich.
 
Nach weiteren zehn Kilometern finde ich die geeignete Stelle für ein Camp. Wir warten am Straßenrand auf ein vorbeifahrendes Auto. Als es am Horizont verschwunden ist, lassen wir unsere Bikes die Böschung herunterrollen. Dann befinden wir uns auf einem Feldweg. Wir schieben die Räder noch ein paar hundert Meter weiter, verlassen den Feldweg und schlagen uns über eine Wiese durch die Sträucher. Es ist anstrengend, die schweren Räder über das hohe Gras zu drücken, aber wir schaffen es und finden einen friedlich wirkenden Platz, umrundet von Bäumen. „Hier fühlt es sich gut an”, meint Tanja zufrieden. „Ja, finde ich auch”, stimme ich ihr zu. Schnell bauen wir unser grünes Zelt auf und verstecken unsere Räder unter einer grünen Plane. Auf diese Weise ist mit Sicherheit nichts mehr von unserem Camp zu sehen. Die abendliche Sonne hat mittlerweile das Spiel um Licht und Schatten gewonnen und zwängt sich durch die dünne Wolkenschicht. Ihre späten, hellgelben Strahlen blinzeln durch die Büsche. Die Laubbäume lassen ihre herbstlich gefärbten Blätter in einer leichten Brise rascheln. Tanja kippt heißes Wasser aus der Thermoskanne über eines unserer letzten äußerst kostbaren Travellunchessen. Zufrieden sitzen wir im letzten Tageslicht unter den aufkommenden Sternenhimmel und genießen es, unseren Radlerhunger mit heißer, wohlschmeckender und kräftigender Nahrung zu befriedigen. Dann, als die Dunkelheit aufkommt, flüchten wir in unsere Stoffbehausung, kuscheln uns in unsere Schlafsäcke und fallen in einen tiefen Schlaf.
 


















Tanja & Denis Katzer kurz vor dem russischen Winter.

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Denis Katzer
Abenteurer, Journalist, Fotograf, Filmemacher

Tanja & Denis Katzer GbR
Am Roggenbühl 1
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